6 Mütter. Personality-Doku-Reihe mit Ute Lemper, Dana Schweiger, Nina Bott, Anni Friesinger-Postma, Christina Obergföll und Wilma Elles (Vox)

Mami soll arbeiten

Und dann waren es auf einmal nur noch fünf. Fünf statt sechs Mütter, die in einem TV-Loft Platz nehmen, um über ihr Muttersein zu sprechen. Wilma Elles, die Jüngste von ihnen, Zwillingsmutter und in der Türkei ein Fernsehsuperstar, ist in Episode 5 der Vox-Doku-Reihe „6 Mütter“ gerade von der nicht ganz so super berühmten Schauspielerin Nina Bott aus dem Kränzchen verabschiedet worden: „Du rufst deine Mama an und wir machen Pipipause.“ Und was der Zuschauer wenig später sieht, ist eine mit Trauermusik untermalte Schwarzblende, auf der steht, dass Wilmas Mutter, Veronika Elles, „am nächsten Morgen um 9.10 Uhr verstorben“ ist.

Die Kleenex-Box steht nicht ohne Grund in diesem Fernsehwohnzimmer griffbereit. Die sechs Mütter, nach denen das Format benannt ist, langen zu, denn es wird schon sehr emotional, wenn Elles unter Tränen vom Krebs ihrer Mutter erzählt. Deren letzter Wunsch ist es, dass Tochter Wilma an ihr Sterbebett eilt – und so verlässt sie das Set, bestärkt von den Fernsehfreundinnen, und kehrt nicht mehr wieder. Als Zuschauer möchte man mitheulen, nicht nur aus Mitgefühl, sondern vor Ärger: Hat Vox es nötig, den Gefühlsausbruch von Elles immer und immer wieder zu betrailern? Zumal sich ja diese Sendung laut Beschreibung um andere Fragen drehen soll als um Krankheit und Tod, nämlich darum, wie Frau Kind und Karriere gleichzeitig wuppt und welchen Erziehungsstil sie pflegt.

Kaum ein Thema ist so emotional besetzt wie Mutterschaft. Töchter werden Mütter und geraten in Konflikte wie die Generation zuvor. Das dürfte in Deutschland nicht anders sein als in Israel, woher die Originalidee für dieses Vox-Format stammt. In der deutschen Variante „6 Mütter“, produziert von Jörg Pilawas Firma Herr P, gibt es allerdings eine Änderung: Die sechs prominenten Muttis, von Gesangsstar Ute Lemper über Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma, Speerwerferin Christina Obergföll und Til Schweigers Ex-Frau Dana Schweiger bis hin zu Nina Bott und Wilma Elles, lassen nicht einfach nur ihren Familienalltag dokumentieren, ob beim morgendlichen Zähneputzen, am Herd oder beim Abholen im Kindergarten; sie alle kommen im Studio zusammen, um auf dem Monitor gemeinsam anzuschauen, was die Kameras in den Wochen zuvor eingefangen haben. Und dann wird freundlich, aber doch sehr bestimmt abgerechnet.

Dass sich Schweiger von ihren Töchtern anmotzen lässt („Du nervst!“), so etwas würde sich die vierfache Mutter Lemper niemals bieten lassen. Auch kommt es beim Weltstar mit Wohnsitz New York nicht gut an, dass Friesinger-Postma in ihrem Treppenhaus keinen Handlauf montiert hat, an dem sich die zwei- und vierjährigen Töchter festhalten könnten: „Viel zu gefährlich.“ Die Sportlerin wiederum lupft pikiert die Augenbrauen, weil Filmstar Elles die in der Türkei verbreitete Meinung teilt, dass eine Frau ohne eigene Kinder nur eine halbe Frau sei. Und weil eben jene Elles (die kurz nach dem Putsch in der Türkei im ARD-Talk „Hart aber fair“ als Erdogan-Versteherin aufgefallen war) dann auch noch davon berauscht ist, dass die Kinder ihrer Seele Kraft geben und nicht Kraft rauben, grätscht die Speerwerferin Obergföll, Mutter eines Sohnes, rein: „Na ja, im Training, da rauben sie dir schon ein paar Prozent Energie.“

Sich gegenseitig taxieren und vergleichen, sich mal Fehler vorhalten und mal loben, peinlich berührt schweigen oder jemanden provozieren – in der Vox-Sendung bestätigt sich, dass es die Mütter selbst sind, die am besten kritisieren und Druck ausüben können, weil jede davon überzeugt ist, den richtigen Weg zu gehen. Die Frage ist, warum das Lemper & Co. unbedingt öffentlich tun und was der Zuschauer davon hat, außer amüsiert festzustellen, dass der Nachwuchs der VIPs genau solche Tobsuchtsanfälle im Restaurant bekommt wie der eigene.

Eine Antwort findet sich in den PR-Interviews zu „6 Mütter“: Die Sendung zeige, „was für eine großartige Leistung jede einzelne Mutter an jedem Tag in ihrem Zuhause bringt“ (Bott) und „dass es funktioniert, seinen Beruf auszuüben und gleichzeitig Mama zu sein“ (Obergföll). Das lässt sich freilich leicht dahersagen, wenn man wie Elles auf Rund-um-die-Uhr-Betreuung von gleich zwei Nannys setzen kann oder die Kohle reicht, um mit den Schweiger-Sprösslingen übers Wochenende nach Amsterdam zu jetten und sich im Luxus-Spa die Füße massieren zu lassen. Dass dieses „privilegierte Leben“ mit dem Alltag einer Bäckerin oder Büroangestellten nicht viel gemein hat, das ist zumindest einigen der Damen, die Bodenhaftung behalten haben, schon bewusst.

Eine andere Erklärung für den Sinn dieses Promi-Mütter-Formats hört man aus einem Kaffee-Plausch von Ute Lemper mit ihrem Gatten Todd heraus: Ob sie weiter so viele Auftritte machen solle, will die vielreisende Künstlerin und Vierfach-Mama wissen. Und gibt sich gleich selbst die Antwort: „Mummy should work“ – Mami soll arbeiten. Und das tut sie. In einem Format, das viel Personality und PR in eigener Sache bietet, aber wenig Doku mit Link zum Leben einer Durchschnittsmutter. Ob Lemper & Co. damit mehr Anerkennung für den Fulltime-Job „Mutter“ erreichen, darf bezweifelt werden.

29.12.2016 – Senta Krasser/MK