100% Bundesliga – Fußball bei Nitro. Sportunterhaltungsshow (Nitro)

Vergessene Hose

25.10.2017 • Der Start der Fußball-Bundesliga-Saison 2017/18 brachte, unter anderem bedingt durch Veränderungen im Bereich der Rechteverwertung, auch den Start einiger neuer Sendeformate mit sich. So strahlt erstmals seit 1992 wieder ein Sender der RTL-Gruppe Zusammenfassungen von Spielen der 1. Liga aus. Das Unternehmen sicherte sich die sogenannte Drittverwertung, um sie in der neu geschaffenen Show „100% Bundesliga“ auf dem RTL-Spartenkanal Nitro zu nutzen. Zuvor hatte diese Rechte der Sender Sport 1 für seine „Telekom Spieltaganalyse“ verwertet.

Die erste Ausgabe von „100% Bundesliga – Fußball bei Nitro“, so der volle Sendetitel, lief am 31. Juli; dies war gleichzeitig auch der Tag, an dem erstmals der neue Name des Senders galt. Bis zum 30. Juli hatte der Kanal als RTL Nitro firmiert. Die neue Sendung, die immer montags abends zu sehen ist, wird moderiert von Thomas Wagner, der vom Pay-TV-Sender Sky zu Nitro wechselte, und von Laura Wontorra, die darüber hinaus für RTL die Spielshow „Ninja Warrior Germany“ präsentiert. Ihr Vater Jörg Wontorra (früher ARD, Sat 1 und Sport 1) moderiert übrigens ebenfalls eine zu Saisonbeginn gestartete neue Fußballshow, nämlich „Wontorra – Der Fußballtalk“, zu sehen am Sonntagvormittag beim frei empfangbaren Sky-Ableger Sky Sport News HD.

Zur Sichtung für diesen Text dienten die „100%-Bundesliga“-Ausgaben vom 11. September und 2. Oktober. Wie der Titel der Show es nahe legt, läuft sie nicht nach Wochenenden, an denen Länderspiele stattgefunden haben, da dann die Bundesliga pausiert. Der offenkundige Nachteil dieser Sendung besteht nun darin, dass Fußballinteressierte am Montagabend zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht kein allzu großes Bedürfnis mehr haben, noch etwas über die Spiele des Wochenendes zu erfahren. Diesen Nachteil verstärken die Macher von „100% Bundesliga“, indem sie Berichte zeigen, die in dieser Form auch schon am späten Samstag- oder Sonntagabend hätten laufen können. Die Bauweise der mit Spieler- und Trainer-Statements gespickten Beiträge unterscheidet sich im Kern jedenfalls nicht von jenen, die samstags im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF oder sonntags in den Bundesliga-Sendungen der Dritten Programme der ARD zu sehen sind.

Auch was die Themen des Wochenendes betrifft, die jenseits der Ereignisse auf dem Spielfeld für Diskussionen sorgen, hinkt „100% Bundesliga“ hinterher. Am Samstag, den 9. September, veröffentlichte der „Spiegel“ ein Gespräch mit dem FC-Bayern-Stürmer Robert Lewandowski, in dem der Spieler seinen Verein relativ scharf kritisierte. In Auszügen machte das Interview bereits am Freitag vor dem Erscheinungstermin die Runde, spätestens am Montagmorgen, nachdem sich die Tageszeitungen in ihren Druckausgaben mit Lewandowskis Äußerungen und den Reaktionen darauf beschäftigt hatten, gab es dazu eigentlich nichts mehr zu sagen. Die Redaktion von „100% Bundesliga“ ließ es sich dennoch nicht nehmen, das Thema noch einmal durchzukauen.

Solche Nachteile scheinen die Macher unter anderem durch eine flapsige, zwanghaft originelle Sprache wettmachen zu wollen. So wird ein Foul, das bei einem Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Hannover 96 zu einem Elfmeter führte, als „Grätsche für Erwachsene“ klassifiziert. Und über Mainz-05-Trainer Sandro Schwarz heißt es, er habe bei seiner Mannschaft „die mentale Festplatte neu bespielt“.

Wenn die Formulierungen dann auch noch richtig witzig sein sollen, wird es richtig peinlich. Der Lapsus eines Wolfsburger Einwechselspielers, der seine Hose in der Kabine vergessen hatte, ist den Machern der Nitro-Bundesliga-Sendung Anlass, an „die Mutter aller vergessenen Utensilien“ zu erinnern: Vor 20 Jahren hatte Marcell Fensch, damals Spieler des 1. FC Köln, sein Trikot in der Kabine vergessen.

Beide Moderatoren, Wagner und Wontorra, haben einen Hang zu Kalauern. Wagner sagt zum Beispiel einmal, der 1. FC Köln habe den Saisonstart „vergeißbockt“ (eine Anspielung auf das Maskottchen des Vereins). Wontorra fasst die Entwicklung des Kölner Vereins unter Trainer Peter Stöger, der die Mannschaft von der 2. Liga in die Europa League geführt hatte, mit der Formulierung „vom Aufstöger zum Europa-Peter“ zusammen.

Stöger war zu Gast in der Sendung am 2. Oktober. Die Redaktion hatte dafür eine Barkulisse aufbauen lassen – mit Salzstangen- und Chips-Schalen auf dem Tresen. Der Kölner Trainer bekam einige Fotos vorgelegt, die jeweils für seine Heimatstadt Wien und seinen derzeitigen Arbeitsort standen, und musste sich dann entscheiden, ob er beispielsweise den Stephansdom lieber mag als den Kölner Dom. Moderator Wagner deklarierte dieses Spielchen dann allen Ernstes als „Tag der Barheit“. Und dass in der Barkulisse im Hintergrund ein ausschließlich mit der „Bild“-Zeitung bestückter Zeitungsständer zu sehen war, war bestimmt kein Zufall. Das Boulevardblatt bringt im Sportteil ja auch gerne Kalauer in den Überschriften unter.

Eingebunden in das Gespräch an der Bar wurde die Schauspielerin und Entertainerin Ulrike Kriegler, von Laura Wontorra als Stögers „wunderbare Lebensgefährtin“ vorgestellt. Die Moderatorin wirkt ohnehin stets begeistert von so ungefähr allem und manchmal tut sie das in einer Lautstärke kund, die für ein Format, das sich zumindest zum Teil als Informationssendung versteht, unangemessen wirkt. Eine von Wontorras Fragen an Ulrike Kriegler lautete im Übrigen: „Wer hat zu Hause die Hosen an?“

Teil beider gesichteter Sendungen war jeweils ein Skype-Interview. Anlässlich des Europa-League-Spiels des 1. FC Köln bei Arsenal London am 14. September sprach Thomas Wagner mit Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann, der sich als Interviewpartner aufdrängte, weil er als Experte bei RTL unter Vertrag steht und neuerdings zum Trainerteam von Arsenal gehört. Lehmanns Stimme klang blechern, so wie früher manchmal die von Gesprächspartnern bei Telefonaten nach Übersee. Reichte der Etat der Sendung nicht für eine reguläre Leitung? Hatte Lehmann angesichts der überschaubaren Bedeutung von „100% Bundesliga“ schlichtweg keine Lust, sich in London in ein Studio zu begeben?

Im Skype-Interview am 2. Oktober ging es um das Thema Einlaufkinder, also um die Jungs und Mädchen, die vor Beginn eines Spiels an der Hand eines der Fußballer-Profis mit auf das Feld marschieren. Mit Blick auf die Einlaufkinder, die beim am 8. Oktober in Kaiserslautern stattfindenden, von RTL übertragenen WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Aserbaidschan dabei sein durften, sagte Laura Wontorra: „Wir haben jetzt die große Chance, mit einem der Einlaufkinder sprechen zu können.“ Es handelte sich dabei um Louis Halfar, den Sohn des für den Zweitligisten 1. FC Kaiserlautern spielenden Daniel Halfar. Dass ein Interview mit einem Einlaufkind zu einem Ereignis hochstilisiert wird, kann man als Indiz für Verzweiflung darüber werten, dass man sonst nichts Originäres zu bieten hat. Dass sich Louis Halfar dann praktisch gar nicht äußerte, sondern nur sein Vater, weil Laura Wontorra nicht in der Lage war, die Schüchternheit des Jungen aufzubrechen, steht auf einem anderen Blatt.

Vielleicht sollte man „100% Bundesliga“ trotz des Sendetitels als eine Sendung betrachten, die sich gar nicht an ausgeprägte Fußballanhänger richtet. Vielleicht gefällt sie vor allem Zuschauern, die wissen wollen, ob ein Bundesliga-Trainer oder seine „wunderbare Lebensgefährtin“ denn „zu Hause die Hosen an hat“ – und die es lustig finden, wenn ein Einwechselspieler seine Hose in der Kabine vergisst. Die Symbiose aus Unterhaltungsfernsehen und Fußballsendung ist bisher allerdings nur äußerst selten gelungen. „100% Bundesliga“ ist weit davon entfernt, eine Ausnahme von dieser Regel zu sein.

25.10.2017 – René Martens/MK