Dass wir uns streiten: Gratulationsrede von HR-Hörfunkdirektor Heinz Sommer zum zwanzigjährigen Bestehen der Sendung „Der Tag“

Am 3. Juni 1996 startete der Hessische Rundfunk (HR) in seinem Radioprogramm HR 1 die Hintergrundsendung „Der Tag“, die sich in den folgenden Jahren zu einem renommierten und mehrfach preisgekrönten Format für Politik und Kultur entwickelte. Seit 2004, als es Programmreformen beim HR-Hörfunk gab, ist die Sendung im Programm HR 2 Kultur zu hören (montags bis freitags, jeweils 18.05 bis 19.00 Uhr). Am 1. Juli 2016 feierte der HR in Frankfurt das zwanzigjährige Bestehen der Sendung; anschließend gab es eine Diskussion über die Zukunft des Journalismus. HR-2-Wellenchefin Angelika Bierbaum sagte anlässlich der Feier, die Sendung „Der Tag“ sei für viele Hörerinnen und Hörer „zum unverzichtbaren Alltagsbegleiter geworden“. Im Folgenden publizieren wir die Gratulationsrede für „Der Tag“, die HR-Hörfunkdirektor Heinz Sommer auf der Feier hielt. • MK

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Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, als mir damals, 1996, die Sendung „Der Tag“ vorgeschlagen wurde, da ahnte ich nicht, auf was wir uns damit einlassen würden. Heute weiß ich es:

• Kaum eine andere Sendung hat so viele Preise im Laufe der letzten zwanzig Jahre eingeheimst, darunter als wichtigsten wohl den Robert-Geisendörfer-Preis…

• und kaum eine Sendung hat mir so viele abwechslungsreiche und hochspannende Stunden im Programmausschuss Hörfunk des Rundfunkrats beschert, denn über keine andere Sendung wurde sich so oft beschwert…

Immer wieder fühlte sich irgendjemand auf den Schlips getreten: die Gewerkschaften oder die Arbeitgeberverbände, die Parteien – von links bis rechts – Kirchen, Sozialverbände, Firmen; alle fanden, eigentlich hätten sie ja nichts gegen die Sendung, aber diese spezielle Ausgabe, die sei denn doch zu weit gegangen. Die Debatten waren stets recht heftig, aber nie konnte dem Team ein wirklich gravierender sachlicher Fehler vorgeworfen werden. Es ging um Einschätzungen.

Und auch das gehört dazu: Zuguterletzt – und das spricht für die Debattenkultur und die Haltung der verschiedenen Mitglieder des Rundfunkrats über all die Jahre – wurde uns von allen immer wieder bestätigt: Gerade das, dass wir uns streiten, dass wir uns an der Sendung reiben, dass wir uns ärgern – gerade das macht sie so wichtig!

Die Preise haben im Laufe der Zeit nicht nachgelassen. Die Beschwerden schon. Ist „Der Tag“ zahnloser, gemäßigter oder altersmilder geworden? Nein, wohl kaum. Es hat sich etwas verändert. Es hat sich in der Medienwelt etwas verändert. Viele Menschen hören heute den „Tag“ als Podcast. Hätte man 1996 jemanden gefragt, was ein Podcast sei, man hätte wohl grenzenloses Staunen erfahren. Und das ist nur ein kleines Phänomen am Rande. Was wir gegenwärtig erleben, ist eine ungeheure Umwälzung in der Rezeption und der Form der Information. Pushmeldungen, Blogs, Instagram und Snapchat, Facebook und Twitter – längst bewegen wir uns in einer nahezu unüberschaubaren Welt unterschiedlichster Informationsflüsse und Rezipientenströme. Die Reizschwelle hat sich damit dramatisch verändert und verlagert.

Längst ist unter diesen Vorzeichen „Der Tag“ ein Fossil. Ein formales Fossil. Eine knapp einstündige, monothematische werktägliche Radiosendung, die von einem meist gutgelaunten, hochkompetenten Team gestemmt wird, und das im Angebot nicht einer der großen Anstalten, sondern einer kleinen in der Mitte Deutschlands… Aber in der Themensetzung ist dieses Team, ist diese Sendung nach wie vor alles andere als ein Fossil. Im Gegenteil: hellwach und seismografisch bemüht, den Themen hinter den Schlagzeilen, den verborgenen und übersehenen Hintergründen auf die Spur zu kommen und sich dabei immer wieder den so oft beschworenen Fragen der Zeit zu stellen.

Zu dieser Leistung gratuliere ich Ihnen allen ganz herzlich! Und da ein solcher Geburtstag nicht nur zur nostalgischen Rückschau und zum sich selbst Feiern genutzt werden sollte – denn das würde Ihrem Anspruch wohl kaum genügen – haben Sie sich für die Diskussion genau das Thema gesetzt, das für Ihren Geburtstag angesichts der oben skizzierten Entwicklungen passend ist: die Zukunft des Journalismus. Viel Spaß bei der Diskussion und noch einmal herzlichen Glückwunsch!

Heinz Sommer (Hörfunkdirektor des HR)

05.08.2016 – MK

Print-Ausgabe 2-3/2017

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