USA: Scott Pelley räumt Anchor‑Posten bei CBS

02.07.2017 • Niemand weiß so recht, warum es zu dieser Personalentscheidung gekommen ist: Sind die niedrigen Einschaltquoten der „CBS Evening News“ der Grund dafür, dass Scott Pelley seinen Posten als Anchorman der Nachrichtensendung geräumt hat? Oder hat es mit dem Aufschwung zu tun, den die Kabel-Nachrichtenkanäle im Gefolge von Donald Trumps Amtsantritt erfahren haben (vgl. auch vorstehende Meldung)? Oder wird Pelley beim sonntäglichen Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ wirklich so dringend gebraucht, wie es CBS in offiziellen Verlautbarungen darstellt? Bei „60 Minutes“ soll der Journalist nun in Vollzeit arbeiten.

Für das Magazin berichtet Scott Pelley bereits seit 2004 und behielt dies auch bei, als er 2011 Chefmoderator der „CBS Evening News“ wurde (vgl. FK-Heft Nr. 17/11). Wie dem auch sei, der 60-jährige Pelley hat die Abendnachrichten des CBS-Networks am 16. Juni 2017 zum letzten Mal moderiert. Zum Interimsnachfolger wurde von den Senderverantwortlichen (ziemlich hektisch) Anthony Mason bestellt. Der 61-Jährige, der nun vorerst Pelley nachgefolgt ist, arbeitet seit vielen Jahren bei CBS News. 2012 übernahm Mason – zusammen mit einer Kollegin – die Moderation der Samstagsausgabe der stark auf Popularität getrimmten Vormittagssendung „CBS This Morning“.

Boulevardisierung der TV-Nachrichten

Wenn Berichterstatter, die es wissen müssen, Mason vorwiegend damit charakterisieren, dass er „für seine Liebe zur Rock- und Pop-Musik bekannt ist“ („Variety“), dann wirft das – gewollt oder nicht – ein Schlaglicht auf den Zustand der Nachrichtensendungen der amerikanischen Broadcast-Networks. Immer stärker haben sie sich in der jüngeren Vergangenheit dem Boulevardniveau angenähert – nur die von Pelley moderierte Sendung war hier eine Ausnahme. Deutlicher als David Muir bei „World News Tonight“ (ABC) und Lester Holt bei den „NBC Nightly News“ hielt Pelley bei den „CBS Evening News“ an der Wichtigkeit der Berichterstattung über „Breaking-News“-Themen aus Politik und Gesellschaft fest, was einst das Aushängeschild all dieser Nachrichtensendungen der Broadcast-Networks gewesen war.

Doch diese Funktion haben inzwischen längst die Kabel-Networks mit ihren Nachrichtensendungen übernommen: Wer in den USA nach tiefer schürfender Analyse des Tagesgeschehens sucht, wird im Kabelfernsehen (und auch bei PBS, dem quasi öffentlich-rechtlichen Angebot in den USA) besser bedient. Die Zwitterstellung, die den Nachrichtensendungen der Broadcast-Networks zugefallen ist, kann eigentlich keinen so recht zufriedenstellen. Deshalb wundert es kaum, dass deren Zuschauerzahlen rückläufig sind und sich das Publikum Alternativen sucht. Doch die Sendung „CBS Evening News“ wurde für ihre relative Standfestigkeit, nicht allzu sehr auf Boulevardisierung zu setzen, nicht belohnt – ihre Einschaltquoten liegen noch niedriger als die der Konkurrenzsendungen, was somit in der Quotenstatistik den letzten Platz bedeutet.

Megyn Kelly macht „60 Minutes“ Konkurrenz

Scott Pelley wird sich bei CBS nun auf seine journalistische Arbeit beim Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ konzentrieren, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Ausgerechnet zum Jubiläum hat die hochangesehene Sendung jetzt Konkurrenz bekommen. Das Network NBC – das in der Vergangenheit schon einmal gegen „60 Minutes“ mit einem ähnlichen Format angetreten war, allerdings mit wenig Erfolg – strahlt nun seit dem 4. Juni zeitgleich zu dem CBS-Magazin die neue Sendung von Megyn Kelly aus („Sunday Night with Megyn Kelly“).

Im jüngsten US-Präsidentschaftswahlkampf war Kelly beim TV-Nachrichtenkanal Fox News populär geworden (vgl. MK-Meldung). Hartnäckig hatte sie damals den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump bei einer Debatte durch ihre Fragen aufs Glatteis geführt und dafür dessen ungezügelte Häme erfahren. Am Morgen nach der Debatte kannte jeder Amerikaner den Namen der Journalistin, die damals bei Fox News das Magazin „The Kelly File“ präsentierte. Anfang 2017 hatte die 46-jährige Kelly bekanntgegeben, von Fox News zu NBC zu wechseln (vgl. MK-Meldung).

Aber wird es NBC mit Megyn Kelly wirklich gelingen, „60 Minutes“ qualitativ zu überholen und auch bei den Einschaltquoten zu schlagen? Nimmt man die Premierensendung vom 4. Juni zum Maßstab, in der Kelly den russischen Präsidenten Wladimir Putin interviewte, dann wird es dazu wohl nicht kommen. Ziemlich erfolglos hat sie sich an Putin abgearbeitet. Das in der Werbung groß aufgeblasene Interview entpuppte sich als lange, substanzlose Fragestunde, in der der russische Präsident sein Gegenüber immer wieder lächelnd abblitzen ließ. Am Ende hatte man nicht mehr erfahren, als man zu Anfang schon wusste. Und trotz des Neuigkeitswerts der NBC-Sendung und der Neugier, ob Megyn Kelly den abgebrühten Putin in eine ähnliche Klemme drängen könnte wie damals Trump, erzielte das alteingesessene CBS-Magazin die höheren Quoten.

02.07.2017 – Ev/MK