USA: Medienfusionen sind wieder ein großes Thema

Nach acht Jahren einer restriktiven Fusionspolitik unter US-Präsident Obama sind seit der Machtübernahme durch dessen Nachfolger Donald Trump die Türen wieder weit geöffnet. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass die Trump-Regierung zu der traditionellen Offenheit, mit der die Partei der Republikaner Zusammenschlüsse betrachtet, auch im Medien- und Telekommunikationssektor zurückkehrt.

Einige Analysten sagen inzwischen sogar eine neue Ära der Mammutfusionen voraus. Erstes Futter hatten sie schon im Januar erhalten, als sich ein Zusammengehen der Unternehmen Verizon Communications und Charter Communications anzubahnen schien, das bisher jedoch nicht realisiert wurde. Stattdessen munkelt man nun davon, dass es der Kabelkonzern Comcast sei, der entweder Charter oder Verizon kaufen könnte, und dass Telekommunikationsunternehmen wie T-Mobile, Sprint und das Dish Network einer wie auch immer gearteten Fusion nicht abgeneigt seien.

Kauft Disney demnächst Netflix?

All diese Spekulationen wurden nun überholt von dem in Hunt Valley im US-Bundesstaat Maryland ansässigen Telekommunikationsunternehmen Sinclair Broadcast Group, dem zweitgrößten Betreiber von Fernsehstationen in den USA. Mit der Aussicht, unter Präsident Donald Trump von der staatlichen Kontrollbehörde keinen allzu großen Widerstand erwarten zu müssen, hat Sinclair jüngst seine Absicht kundgetan, das in Chicago (Illinois) beheimatete Medienkonglomerat Tribune Media für 3,9 Mrd Dollar zu erwerben. Die vereinten Unternehmen, so wurde Sinclair-Geschäftsführer Chris Ripley am 8. Mai in einer Ankündigung des Deals zitiert, würden dann einen Jahresumsatz von 4,3 Mrd Dollar erzielen und 72 Prozent der US-amerikanischen Fernsehhaushalte erreichen können. Laut „Wall Street Journal“ besitzt die Sinclair Broadcast Group heute schon 173 TV-Stationen, deren Zahl sich nach der Fusion um weitere 42 Stationen erhöhen würde. Damit würde Sinclair zur größten Broadcast-Gruppe in den USA aufsteigen. Sinclair hatte beim Bieten um Tribune Media den Konzern 21st Century von Rupert Murdoch ausgestochen.

„Es gibt nicht sehr viele Elefanten in der Savanne, und wenn sich einer bewegt, dann müssen das die anderen auch tun“, sagte kürzlich der amerikanische Analyst Matthew Harrigan in einer auf den Medienmarkt gemünzten Analogie. Deshalb nimmt es nicht Wunder, dass in jüngster Zeit die Gerüchtebörse ungewöhnlich aktiv ist und immer wieder neue Mutmaßungen in die Welt setzt. So heißt es zum Beispiel, in der Chefetage der Walt Disney Company denke man darüber nach, den Streaming-Anbieter Netflix zu kaufen.

Netflix hat inzwischen nahezu 100 Mio zahlende Kunden in über 190 Ländern der Welt und ist damit bekanntlich Marktführer auf dem Sektor des Videostreamings. Eine solche Plattform könnte Disney den direkten globalen Zugang zu einer Kundenbasis verschaffen, die das stark diversifizierte Unternehmen in den kommenden zehn Jahren von allen heute vorstellbaren Konkurrenten abheben würde. Zur Zeit ist das nichts anderes als ein Gerücht. Doch seitdem man Disney-Chef Robert Iger immer häufiger davon reden hört, dass sich sein Unternehmen den Spielregeln eines sich rasch wandelnden Medienmarktes anpassen müsse, und der sonst meist wortkarge Netflix-Gründer Reed Hastings von der Wichtigkeit eines reichhaltigen Software-Kontingents spricht, erscheint es gar nicht mehr so abwegig, dass an dem Gerücht etwas dran sein könnte.

Oder kauft Apple den Disney‑Konzern?

Erscheint der Gedanke an einen solchen Zusammenschluss schon reichlich abenteuerlich, so kommt einem die in letzter Zeit oft gehörte Vision, der Technologie-Konzern Apple könne seinerseits darüber nachsinnen, die Walt Disney Company zu kaufen, geradezu utopisch vor. Aber vor dem neuen Regierungshintergrund in Washington und der Hoffnung auf eine Lockerung der Fusionspolitik schweifen die Gedanken der Wirtschaftsanalysten in ungewohnte Höhen.

Das Gerücht, die Produkte von Apple mit dem größten Inhalte-Produzenten der Branche zu vereinen, war erstmals aufgekommen, als Apple-Chef Tim Cook im Herbst vorigen Jahres hatte durchblicken lassen, der Technologie-Riese aus Cupertino sei „für Akquisitionen jeder Größenordnung offen“. Was lag da näher als an einen Kauf des Disney-Konzerns zu denken? Ob die Aktionäre von Apple dabei mitmachen würden, bezweifelt allerdings nicht nur das Fachblatt „Variety“. Gehe man einmal von einer 40-prozentigen Preisaufschlag für Disney aus, schreibt „Variety“, so würde der Deal einen Kaufpreis von fetten 237 Mrd Dollar bedeuten. Vielleicht ist das selbst im Zeitalter einer wiedergeborenen Fusionitis dann doch ein allzu phantastischer Höhenflug, auch wenn Apple aktuell über Finanzreserven in Höhe von 257 Mrd Dollar verfügt.

19.05.2017 – Franz Everschor/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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