USA: Emmy-Nominierungen zeigen den Trend der Zeit und den Aufschwung der Streaming-Anbieter

28.07.2017 • Als am 13. Juli die Nominierungen für die diesjährigen Emmy Awards bekanntgegeben wurden, war eines deutlich klar: Stärker noch als die im September zu vergebenden Preise es können, reflektiert das weite Feld der Nominierungen die Tendenzen und Strömungen der heutigen Zeit. Die 20.000 Stimmberechtigten, die für die Verleihung der Emmys verantwortlich sind, haben gute Arbeit geleistet. Sie haben sich nicht nur durch einen unglaublichen Wust von Serien und Filmen gekämpft, sondern im Resultat ihrer Auswahl spiegelt sich die gesellschaftliche Gegenwart vor allem der amerikanischen Nation auf erstaunliche Weise wider.

Angesichts des großen Anteils an der Gesamtsendezeit, der sowohl der Kandidatur von Donald Trump für das höchste Amt im Staat als auch den ersten Monaten seiner Präsidentschaft eingeräumt wurde, nimmt es kaum Wunder, dass das satirische Spätabendformat „Saturday Night Live“ von NBC die höchste Zahl der auf einzelne Sendungen entfallenden Nominierungen erreicht hat, nämlich 22. Weitaus überraschender ist die Differenzierung, mit der die vom Emmy-Nominierungsgremium benannten Programmbeiträge ein Bild der gespaltenen Stimmung in den USA abgeben.

Das tritt vor allem in der Kategorie der dramatischen Serien zutage: Die für preiswürdig gehaltenen Serien reichen von der überwiegend trostlosen Suche nach (Über-)Lebenskonzepten in „Westworld“ (HBO) über das Porträt eines fundamentalistischen Militärstaats in „The Handmaid’s Tale“ (Hulu) bis zu der gefühlvollen Geschichte einer modernen amerikanischen Familie in der NBC-Produktion „This Is Us“ (vgl. hierzu MK-Meldung), von unterschwelligen Ängsten und Befreiungsvisionen bis zur tröstenden Bestätigung traditioneller Ordnung. Weitere Nominierungen als „beste dramatische Serie“ gingen an „Better Call Saul“ (AMC), „The Crown“, „Stranger Things“ und „House of Cards“ (alle Netflix).

Verschiebung der kreativen Macht

Die Tatsache, dass vier der sieben Nominierungen in der Kategorie „Beste dramatische Serie“ auf Produktionen eines Streaming-Anbieters fielen, wirft auch ein deutliches Licht auf eine andere Realität: die überwältigende Zahl der heutzutage auf das Publikum einströmenden TV-Produktionen und den Wandel der Fernsehkultur im Allgemeinen. Für die Emmy Awards standen in diesem Jahr nicht weniger als 848 Sendungen zur Abstimmung für die Nominierungen. Die Zahl der Komödien stieg allein in den letzten beiden Jahren von 81 auf 104, die Zahl der dramatischen Serien von 143 auf 180. Dazu kommen diesmal noch 40 Fernsehfilme; im vorigen Jahr waren es 29.

Das US-Fachblatt „Variety“ bezeichnet den Vormarsch der Online-Anbieter, die für die steigenden Zahlen weitgehend verantwortlich sind, inzwischen als eine deutlich wahrnehmbare „Verschiebung der kreativen Macht im Fernsehen“. Beim Emmy braucht man sich zwar nicht mit dem Problem abzuplagen, mit dem sich die Oscar-Kommission neuerdings beschäftigen muss, ob nämlich Streaming-Produktionen berücksichtigt werden müssen oder nicht. Aber die traditionelle Auswahl verschiebt sich auch für die Emmy-Juroren (und für den Zuschauer) wie einst in den 1980er Jahren, als die Broadcast-Networks Konkurrenz durch die Kabelsender bekamen.

Noch bewegt es sich mächtig in der amerikanischen TV-Szene und es lässt sich kaum absehen, wer wann die Oberhand behalten wird. Auch das reflektieren die jetzt bekanntgegebenen Emmy-Nominierungen: Die Broadcast- und Kabelnetworks konnten noch einmal die Mehrheit der Nominierungen für sich verbuchen. Dabei führt wieder der Pay-TV-Sender HBO mit insgesamt 111 Nominierungen die Liste an, allerdings nun schon auf dem Fuß gefolgt von Netflix mit 91 Nennungen (im vorigen Jahr waren es noch 54). Dahinter platzierten sich die Sender NBC (64 Nominierungen), FX (55), ABC (33), CBS (29) und Fox (20) sowie die Online-Anbieter Hulu (18) und Amazon (16). Trauriger Verlierer im hinteren Bereich der Liste ist das quasi-öffentlich-rechtliche PBS-Network mit nur noch elf Nominierungen statt der 26 des Vorjahres.

Das alles zusammen mag unterm Strich zwar noch ziemlich austariert klingen, doch der Trend zugunsten der Streaming-Portale wird offensichtlich, wenn man deren Zahlen einmal addiert. Dann entfallen nämlich auf die Gesamtheit der Online-Anbieter stolze 162 Nominierungen. Im Jahr 2016 waren es noch 91 und 2015 nur 51.

28.07.2017 – Ev/MK

Print-Ausgabe 16-17/2017

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