USA: Der Nachrichtensender MSNBC profitiert vom Chaos im Weißen Haus

Politisch liberal eingestellte Amerikaner hatten schon zu Barack Obamas Zeiten eine Vorliebe für den Kabelnachrichtensender MSNBC. Als vor acht Jahren Obama das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten antrat, schalteten sie jeden Abend die Sendung von Keith Olbermann ein, des damaligen Starmoderators von MSNBC. Doch die Begeisterung ließ dann langsam nach. Obama wurde seinen Anhängern zur Gewohnheit und Olbermann überwarf sich mit dem Network über geheimgehaltene Parteispenden; er verließ MSNBC dann Anfang 2011 (vgl. FK‑Heft Nr. 3/11).

Es blieb die Regel, dass sich der als linkslastig verschriene Sender Woche für Woche in Bezug auf die Einschaltquoten der Nachrichtenkanäle mit dem dritten Platz hinter Fox News und CNN begnügen musste. Inzwischen sieht das allerdings anders aus. Im ersten Quartal 2017 stieg die Einschaltquote von MSNBC in der Primetime bei der begehrten Publikumsgruppe der 25- bis 54-Jährigen um 54 Prozent; bei allen Zuschauern betrug der Zuwachs sogar 68 Prozent. Rupert Murdochs Sender Fox News, im Fernsehen das Sprachrohr der Republikaner und das Unterstützungsorgan von Trumps Politik, steht zwar immer noch an der Spitze, aber Mitte Mai gab es bereits eine Woche, in der das kleine Schwesternetwork von NBC die Konkurrenz abschütteln und sich an die Spitze setzen konnte. Allgemein gilt, dass die Einschaltquoten der Nachrichtensender nach Abschluss einer Präsidentenwahl sinken. Diesmal war jedoch das Gegenteil zu beobachten, was die Experten besonders im Fall von MSNBC erstaunt hat.

Fokus auf Breaking‑News‑Berichterstattung

Zurückzuführen ist der Effekt, dass die Einschaltquoten von MSNBC steigen, vor allem auf den seit Januar 2017 amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und dessen umstrittenes und durch Skandale gekennzeichnetes Regierungshandeln. „Da gibt es dieses verstärkte Interesse einer liberalen und sogar moderaten Basis, etwas anderes als Fox auszuprobieren, um all diese Skandale zu verstehen“, sagt Heather LaMarre, Professorin an der Temple University. Die amerikanischen Fernsehzuschauer verlangen nach Informationen. Sie sind es inzwischen immer stärker leid, politische Berichterstattung auf solchen Sendern zu verfolgen, die Trump unterstützen.

Vor diesem Hintergrund wird nun auch eine Moderatorin wie Rachel Maddow, die bei MSNBC mit ihrer werktäglichen Sendung „The Rachel Maddow Show“ jahrelang immer auf dieselbe liberal eingestellte Zuschauergruppe angewiesen war, überall populär. Als sie am Abend der Enthüllungen von Jared Kushners Gesprächen mit dem russischen Botschafter zu Hause krank im Bett lag, sich doch entschied, ins Studio zu eilen, und sie dann eine ihrer besten und informativsten Sendungen zu den Aktivitäten von Trumps Schwiegersohn und heutigem Präsidentenberater ablieferte, applaudierten Maddow auf einmal auch besorgte Republikaner, die MSNBC früher nie eingeschaltet hätten.

Inzwischen sind es nicht nur Rachel Maddow, Chris Matthews und Lawrence O’Donnell, mit deren Sendungen MSNBC werktags seine Primetime bestückt und die aufgrund ihrer Berichterstattung und Kommentierung der Trumpschen Präsidentschaft beim Publikum gefragt sind. In den Sendungen des Nachrichtenkanals kommen außerdem immer mehr Reporter und freie Mitarbeiter zu Wort, die kritisch über Trump berichten und damit den nach wie vor beherrschenden, oft leidenschaftlichen Argumentationen der Politkommentatoren von MSNBC das Futter liefern. Auch eigentlich für das Mutterhaus NBC arbeitende Nachrichtenmoderatoren und Korrespondenten wie Andrea Mitchell und Hallie Jackson sind jetzt häufiger bei MSNBC auf Sendung. Als gewiefte Journalisten lassen sie dem neuen Präsidenten keinen Fehler durchgehen.

Der Ruf von MSNBC als Sprachrohr der Liberalen ist unverändert, doch das Bemühen des Senders, der extremen linken Ecke zu entkommen, ist unübersehbar. So gab MSNBC am 22. Juni bekannt, den konservativen Radio- und Fernsehkommentator Hugh Hewitt eingestellt zu haben, der kürzlich erklärt hatte, bei der Präsidentenwahl 2016 „zurückhaltend für Trump“ votiert zu haben. Es ist der Wunsch auch so mancher Republikaner und einst politisch gleichgültiger Bürger nach einer Interpretation der verstörenden Botschaften aus Washington, der MSNBC die Tür zu einem größeren Publikum geöffnet hat. Und es ist vor allem das fast täglich zu beobachtende Chaos, das Präsident Donald Trump Woche für Woche anrichtet, das den Sender dazu treibt, sich mit noch mehr Emphase auf eine Breaking‑News-Berichterstattung zu fokussieren, die in den Nachrichten der Broadcast-Networks schon seit Jahren immer häufiger von primär unterhaltenden oder sensationsbetonten Formaten an den Rand gedrängt wird.

30.06.2017 – Ev/MK