Schweiz: Gilles Marchand als Nachfolger von Roger de Weck neuer SRG‑Generaldirektor 

31.10.2017 • Gilles Marchand ist neuer Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Der 55-jährige Medienmanager übernahm die Leitung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt am 1. Oktober. Marchand ist nun der neunte Generaldirektor seit Gründung der SRG im Jahr 1931. Er löste den 63-jährigen Journalisten und Publizisten Roger de Weck ab, der ab Januar 2011 an der Spitze der SRG stand. Zur SRG gehören Unternehmenseinheiten in den vier Sprachregionen der Schweiz (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch).

Gilles Marchand, geboren am 2. März 1962 in Lausanne, studierte Soziologie an der Universität Genf. Seine berufliche Laufbahn begann er 1988 beim Verlag der Tageszeitung „Tribune de Genève“. Im Jahr 1992 ging er zum Schweizer Presseverlag Ringier, wo er zunächst die Forschungs-, Marketing- und Kommunikationsabteilung leitete. 1998 wurde er Direktor von Ringier Romandie (Westschweiz). Ab 2001 war Marchand dann Direktor des SRG-Fernsehens in der Romandie (Télévision Suisse Romande/TSR). Nachdem von der SRG 2010 im französischsprachigen Landesteil die Bereiche Fernsehen, Hörfunk und Online zusammengelegt worden waren, übernahm Marchand als Direktor die Leitung der neu geschaffenen Institution Radio Télévision Suisse (RTS). Marchand vertritt die SRG außerdem seit vielen Jahren bei der europäischen Rundfunkunion EBU. Seit Dezember 2016 gehört er dem Exekutivvorstand der in Genf ansässigen Organisation an.

Digitalen Wandel vorantreiben

Zum neuen SRG-Generaldirektor war Gilles Marchand bereits am 9. November 2016 gewählt worden. Für ihn hatten damals im SRG-Verwaltungsrat alle neun Mitglieder gestimmt. Dieses Votum wurde dann am 25. November 2016 auch von der 41-köpfigen Delegiertenversammlung der Rundfunkanstalt einstimmig bestätigt. Dass für die Neubesetzung der Spitzenposition bei der SRG eine interne Lösung gewählt wurde, war seinerzeit von Sender damit begründet worden, dass so bei der Anstalt für „Stabilität im Umbruch der Medien“ gesorgt werden solle.

Neue stellvertretende SRG-Generaldirektorin ist nun Ladina Heimgartner. Die 37-Jährige arbeitet seit zehn Jahren für die SRG; zuletzt war sie ab 2014 Direktorin von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR), dem öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen für den rätoromanischsprachigen Landesteil der Schweiz.

Gilles Marchand hat sich als neuer Generaldirektor vorgenommen, mehrere Aufgaben prioritär anzugehen, wie die SRG mitteilte: Die Rundfunkanstalt wolle, so das Ziel, „weiterhin hervorragende Programme in allen vier Landessprachen bieten, die Unabhängigkeit und Professionalität der Redaktionen sichern, den digitalen Wandel innerhalb der SRG weiter vorantreiben, den Kontakt zum jungen Publikum halten und weiterhin in die Kultur investieren“. Außerdem will Marchand die Zusammenarbeit mit kommerziellen Medienunternehmen fördern. Dazu sind fünf konkrete Kooperationsprojekte entwickelt worden, darunter die kostenfreie Übernahme von SRG-Videobeiträgen durch private Medienhäuser. Überdies sollen interessierte Privatradios können die stündlichen SRG-Hörfunknachrichten übernehmen können.

Die öffentlich-rechtliche SRG ist mit einem Jahresbudget von 1,6 Mrd Franken das größte Medienunternehmens in der Schweiz. 75 Prozent des Etats und damit 1,2 Mrd Franken erhält die Sendeanstalt aus Rundfunkgebühren. Die Gebühren werden eingezogen von der Billag AG, einer Tochtergesellschaft der Swisscom, dem größten Telekommunikationskonzern der Schweiz, der mehrheitlich in Staatsbesitz ist. Die SRG wird von einem Verein getragen, der in der Bundeshauptstadt Bern angesiedelt ist. Der Verein besteht entsprechend den vier Schweizer Sprachregionen aus ebenso vielen Regionalgesellschaften (SRG.D, RTSR, CORSI und SRG.R); er hat insgesamt rund 22.500 Mitglieder. Zur SRG gehören heute die Unternehmenseinheiten SRF, RTS, RSI und RTR sowie der Auslandsdienst swissinfo.ch.

Die „No-Billag“-Initiative

Präsident des SRG-Verwaltungsrats und gleichzeitig Präsident der SRG ist seit dem 1. Mai 2017 Jean-Michel Cina. Der 54-jährige Rechtsanwalt und Politiker gehörte von 1999 bis 2005 für die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) dem Nationalrat an, dem Schweizer Bundesparlament in Bern. Von 2005 bis Ende April 2017 war Cina Wirtschaftsminister des Kantons Wallis. Die CVP engagiert sich in der Schweizer Medienpolitik traditionell besonders stark für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die größte Herausforderung für die SRG ist zur Zeit die sogenannte „No-Billag“-Initiative, deren Gründer die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren fordern. Hinter der 2015 gegründeten Initiative steht ein Komitee aus jungen Politikern der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP). Das Komitee sammelte über 112.000 Unterschriften. Die Gebühr für den Radio- und Fernsehempfang beträgt aktuell pro Jahr 451,10 Franken (392,50 Euro; in Deutschland beläuft sich der allgemeine Rundfunkbeitrag zur Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender auf 210 Euro pro Jahr). Von den Gebühreneinnahmen fließt der Großteil an die SRG. Es erhalten aber auch derzeit 13 kommerzielle Regionalfernsehsender und 21 private Lokalradios Gebührengelder.

Als Termin für die Volksabstimmung der Schweizer Bürger über die Forderung der „No-Billag“-Initiative wurde der 4. März 2018 angesetzt, wie am 18. Oktober 2017 bekanntgegeben wurde. Die von der Initiative erhobene Forderung, die Radio- und Fernsehgebühren abzuschaffen, wird von beiden Kammern des Schweizer Bundesparlaments nicht unterstützt. Mehrheitlich sprachen sich die beiden Kammern (Nationalrat und Ständerat) für die Ablehnung von „No Billag“ aus. Auch der Bundesrat, die Schweizer Regierung, lehnte die Forderung ab, die Radio- und Fernsehgebühren abzuschaffen.

Umstellung auf Haushaltsabgabe

Die SRG hebt im Rahmen der laufenden Debatte ihre Bedeutung für die Gesellschaft hervor: „Die Institution SRG ist wichtig für das Funktionieren der Schweizer Demokratie“, erklärte SRG-Präsident Jean-Michel Cina. „Geht es nach der ‘No-Billag’-Initiative, dürfen keine Gebühren mehr erhoben werden. Das wäre das Ende der SRG“, fügte er hinzu. So sieht es auch der neue SRG-Generaldirektor Marchand.

Marchand hatte am 6. Oktober darauf verwiesen, dass die künftige „neue Mediengebühr“ laut Regierungsangaben unter dem Betrag von 400 Franken pro Jahr liegen werde. Am 18. Oktober gab der Bundesrat bekannt, dass die künftige Höhe der Gebühr, die jeder Haushalt zu zahlen hat, 365 Franken betragen werde. Im Juni 2015 hatten die Schweizer Bürger in einer Volksabstimmung mit 50,1 Prozent äußerst knapp dafür votiert, dass die gerätebezogenen Radio- und Fernsehgebühren auf eine Haushaltsabgabe umgestellt werden. Das neue Modell soll zum 1. Januar 2019 eingeführt werden. Fest steht schon jetzt, dass die Abgabe dann nicht mehr von der Billag AG eingezogen wird, sondern von der Serafe AG, einer Tochterfirma des Software-Unternehmens Secon AG.

31.10.2017 – Mathias Ebert/MK