Italien: Mario Orfeo zum neuen RAI‑Generaldirektor gewählt

Der Journalist Mario Orfeo ist neuer Generaldirektor der italienischen Rundfunkanstalt RAI. Der 51-Jährige wurde am 9. Juni vom RAI-Verwaltungsrat mit großer Mehrheit gewählt. In dem Gremium erhielt Orfeo sieben Stimmen; ein Verwaltungsratsmitglied stimmte gegen ihn. Orfeo arbeitete bisher ab 2012 beim Fernsehprogramm RAI 1, dem Hauptkanal der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt und Fernsehmarktführer in Italien. Bei RAI 1 war Mario Orfeo Direktor der Nachrichtensendung „Telegiornale 1“ (TG 1), des Nachrichten-Flaggschiffs der RAI.

Die Neubesetzung des Chefpostens bei der Sendeanstalt wurde nötig, nachdem am 1. Juni der RAI-Verwaltungsrat den Rücktritt des bisherigen Generaldirektors Antonio Campo Dall’Orto nach nicht einmal zweijähriger Amtszeit gebilligt hatte. Im RAI-Verwaltungsrat stimmten am 9. Juni für Orfeo zum einen die drei Mitglieder, die der Demokratischen Partei (PD) nahestehen. Die PD, an deren Spitze der frühere Ministerpräsident Matteo Renzi steht, regiert in Italien zusammen mit mehreren kleineren Parteien in einer Mitte-Links-Koalition. Zum anderen erhielt Orfeo die Unterstützung von zwei Mitgliedern, die der Mitte-Rechts-Opposition des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zugeordnet werden.

Scharfe Kritik von der Fünf-Sterne-Bewegung

Für Orfeo stimmte außerdem Monica Maggioni, die RAI-Präsidentin und Vorsitzende des Verwaltungsrats der Rundfunkanstalt. Auch Marco Fortis, im Verwaltungsrat der Vertreter des Wirtschaftsministeriums, das Hauptaktionär der RAI ist, votierte für Orfeo. Die einzige Gegenstimme kam von Carlo Freccero, dem Gründer und ehemaligen Direktor des TV-Spartenkanals RAI 4. Er vertritt im RAI-Verwaltungsrat die oppositionelle, populistische Fünf-Sterne-Bewegung (Movimento Cinque Stelle/M5S), die 2009 von dem Satiriker Beppo Grillo gegründet wurde. Im RAI-Verwaltungsrat gibt es eigentlich neun Plätze, doch ein Sitz ist seit Mitte Mai vakant.

Der neue RAI-Generaldirektor Mario Orfeo ist ein preisgekrönter Journalist, der auf eine Spitzenkarriere im italienischen Journalismus zurückblicken kann. Im Alter von 18 Jahren begann der gebürtige Napolitaner seine Laufbahn bei der Lokalzeitung „Napoli Notte“. Anschließend arbeitete er für die Tageszeitungen „Giornale di Napoli“ in Neapel und „La Repubblica“ in Rom. Bei „La Repubblica“ wurde Orfeo später unter deren Direktor Ezio Mauro Chefredakteur der linksliberalen Zeitung. Von 2002 bis 2009 leitete Mario Orfeo dann als Direktor die Tageszeitung „Il Mattino“ in Neapel. 2009 wechselte er zum ersten Mal zur RAI nach Rom und war beim Fernsehprogramm RAI 2 bis 2011 Direktor der Nachrichtensendung „Telegiornale 2“ (TG 2). Von 2011 bis 2012 leitete er als Direktor die römische Tageszeitung „Il Messaggero“, bevor er dann zur RAI zurückkehrte und beim TV-Programm RAI 1 die Leitung von TG 1 übernahm.

Politiker der regierenden Mitte-Links-Koalition und der Mitte-Rechts-Opposition sowie Vertreter der Gewerkschaften begrüßten die Wahl Orfeos zum neuen RAI-Generaldirektor. Antonello Giacomelli, Mitglied der mitregierenden Demokratischen Partei und im Wirtschaftsministerium als Unterstaatssekretär für Kommunikationspolitik zuständig, verwies darauf, Orfeo habe „als RAI-Kenner alle Eigenschaften, um die menschlichen und professionellen Ressourcen des Unternehmens aufzuwerten“.

Scharfe Kritik kam dagegen von der Fünf-Sterne-Bewegung, die in der Wahl von Orfeo zum neuen RAI-Generaldirektor einen „Putsch Renzis“ sieht. Auch Roberto Fico, Fraktionsvorsitzender der Bewegung in der römischen Abgeordnetenkammer und Chef des parlamentarischen RAI-Kontrollausschusses (Vigilanza), kritisierte die Wahl Orfeos mit deutlichen Worten. Fünf-Sterne-Gründer Beppo Grillo hatte bereits früher einmal Mario Orfeo attackiert, als der noch die RAI-1-Nachrichtensendung „Telegiornale 1“ leitete.

Warum Orfeos Amtsvorgänger zurücktrat

Der Posten des RAI-Generaldirektors musste neu besetzt werden, weil Antonio Campo Dall’Orto seinen Rücktritt eingereicht hatte, nachdem der RAI-Verwaltungsrat am 22. Mai seinen Plan zur Reform der Fernsehnachrichten abgelehnt hatte. Campo Dall’Orto wollte Einsparungen bei den „Telegiornale“-Sendungen der RAI-Vollprogramme vornehmen. Zudem sollten die Redaktionen des Fernsehnachrichtenkanals RAI News 24 und der RAI-Regionalnachrichten zusammengelegt werden, und zwar im neu geschaffenen sogenannten „Newsroom Italia“. Fünf Mitglieder des RAI-Verwaltungsrats und damit die Mehrheit in dem Gremium lehnte die Pläne von Campo Dall’Orto jedoch ab, der dann seinen Rücktritt einreichte, den der Verwaltungsrat Anfang Juni bestätigte.

Antonio Campo Dall’Orto hatte im August 2015 im Rahmen einer RAI-Reform den Chefposten der Rundfunkanstalt übernommen (vgl. MK-Meldung). Er war zuvor ab 2008 Vizepräsident und Generaldirektor von Viacom International Media Networks, der Muttergesellschaft von MTV für Südeuropa gewesen. Als RAI-Generaldirektor wurde Campo Dall’Orto später mit großen Vollmachten in finanziellen und unternehmerischen Entscheidungen ausgestattet, über die nun auch Mario Orfeo als sein Nachfolger verfügt.

Die im Jahr 2015 von der Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi eingeleitete RAI-Reform, die dann von Campo Dall’Orto umgesetzt wurde, führte insgesamt zu positiven Ergebnissen. Im Jahr 2016 erzielte die RAI erstmals wieder mit ihren gesamten Aktivitäten einen Überschuss, der sich auf 18,1 Mio Euro belief. Zuvor hatte die RAI mehrere Jahre hintereinander stets mit Fehlbeträgen abgeschlossen. Der Umsatz betrug im vorigen Jahr insgesamt 2,8 Mrd Euro und stieg damit gegenüber 2015 um knapp 13 Prozent an. Die RAI ist neben der Mediaset-Gruppe der Familie Berlusconi das wichtigste Medienunternehmen in Italien. 

17.06.2017 – me/MK