Soziales Hetzwerk

Thomas Koch (WDR-5-Moderator): Und wir haben ja mit Volker Morgenbrod einen Mann hier zu Gast, der in Bocholt mit vielen Kollegen zusammen die lokale Zeitung macht seit vielen Jahren. Haben Sie festgestellt, Volker Morgenbrod, dass es eine Gegenreaktion gab bei den Menschen daraufhin?

Volker Morgenbrod (Chefredakteur des „Bocholter-Borkener Volksblatts“): Ja, sicher gab’s eine Gegenreaktion. Dieser Schmutz – da sind natürlich die meisten dagegen. Wir dachten in der Redaktion, als Facebook kam, das ist so’ne Demokratisierung der Information. Und das soziale Netzwerk ist ja nur noch aus unserer Sicht ein soziales Hetzwerk. Da wird nicht argumentiert, da wird nur polemisiert. Und das selbst in unserem kleinen Mikrokosmos.

Thomas Koch: Erleben Sie das auch als Zeitungsmacher über Leserbriefe, also die klassische Wege, ist das da auch so?

Volker Morgenbrod: Die klassischen Leserbriefschreiber? Nein! Da gibt’s den einen oder anderen, der läuft aus dem Ruder. Da passiert das nicht. Auch auf unserer Internet-Seite passiert das nicht, auf der normalen Homepage. Aber auf unserem Facebook-Auftritt passiert das. Da können sich Leute über Stunden beharken auf unterstem Niveau, die, ich sag mal: Schreibdurchfall haben und offenbar sonst nix zu tun.

Thomas Koch: Und man könnte ja auch mal eine Sendung darüber machen, ob schon jemals eine Meinung sich geändert hat dadurch, dass auf Facebook diskutiert wurde. Ich hab das Gefühl nicht.

Volker Morgenbrod: Ich warte auf den Augenblick, wo einer schreibt: „Du hast mich überzeugt.“

Aus einer Diskussion der Live-Sendung „WDR 5 Stadtgespräch“ vom 9. Februar 2017 (20.05 bis 21.00 Uhr) im westfälischen Bocholt zum Thema „Mobben, Drohen, Niedermachen: Regiert der Mob im Netz?“ Konkreter Anlass für die Sendung war der Umstand, dass Lokalpolitiker in Bocholt über längere Zeit anonyme Hassmails und Morddrohungen erhielten, die unter anderem dazu führten, dass der massiv bedrohte Vorsitzende der Bocholter SPD von seinem Amt zurücktrat und sich aus der Politik zurückgezogen hat.

17.02.2017 – MK