Fernsehserientexte von dpa oder: Wir sind die Roboter

Jetzt ist es wohl soweit. Bei der Nachrichtenagentur dpa werden die Texte nunmehr von Robotern verantwortet. Wie anders wäre ein Beitrag vom 16. Juni zu erklären, der in vielerlei Medien, etwa von Süddeutsche.de, augenscheinlich ungeprüft übernommen wurde? Dort heißt es unter anderem: „Das deutsche Fernsehen lebt von amerikanischen Serien, deren Qualität von peinlich bis exzellent reicht, aber eine deutsche Serie hat es noch nie ins gelobte Land des Fernsehens geschafft.“ Der Satz zielt auf „Deutschland 83“, eine RTL-Produktion, die – da haben die beteiligten PR-Strategen ganze Arbeit geleistet – bereits umfassend in den Feuilletons vertreten war und allerlei Rumoren veranlasste, ehe auch nur der erste Trailer über die Mattscheibe geflimmert ist.

Es braucht nicht einmal ausgefuchste Sachkenntnis, sondern nur ein bisschen Nachdenklichkeit, um darauf zu kommen, dass die von dpa getroffene Aussage falsch ist. Edgar Reitz’ Fernsehepos „Heimat – Eine deutsche Chronik“ war auf US-Bildschirmen zu sehen; aktuell erfreuen sich die Zuschauer des frei empfangbaren, weit verbreiteten spanischsprachigen US-Anbieters Vme TV an „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“. Ebenfalls RTL. Um nur mal zwei in Form und Inhalt höchst disparate und darob bewusst gewählte Titel zu nennen.

Offenbar war niemand bei dpa in der Lage, die Pressemitteilung des Veranstalters korrekt zu entziffern. Dort steht geschrieben: „Die Event-Serie, von Ufa Fiction für RTL produziert, wird in den USA auf Sundance TV in Deutsch mit englischen Untertiteln laufen und ist damit die erste deutschsprachige Dramaserie, die im US-Fernsehen gezeigt wird.“ Uff, so ein langer Satz. Auf den Punkt gebracht: „Deutschland 83“ ist die erste Serie, die in den USA deutsch gesprochen und englisch untertitelt zur Ausstrahlung gelangt. Ein Slogan aus der PR von Sundance TV. Er wird wohl stimmen.

Natürlich lässt dpa die Gelegenheit zum Seitenhieb auf Deutschlands Fernsehschaffende und deren angebliches Unvermögen in Sachen Serienproduktion nicht ungenutzt verstreichen: „Während Zuschauer weltweit, auch in Deutschland, von ‘Breaking Bad’, ‘Homeland’ oder ‘Game of Thrones’ schwärmen, erzählt man in der Bundesrepublik Serien, deren Handlung nach einer Episode abgeschlossen ist.“

Muss man wirklich noch darauf eingehen, dass „Homeland“ in Deutschland (Sat 1) nur eine Minderheit ansprach? Und dass die deutschen Programme eine Fülle an fortlaufend erzählten Serien bieten? Man nennt diese Serien Soap Operas, Seifenopern, Telenovelas. Serienwissen für Anfänger: Soap Opera ist die griffigere Bezeichnung für das serielle Melodram, eine Erzählform mit mehrgliedriger Handlungsführung und Ensemble-Besetzung, die sich potenziell endlos fortsetzen lässt. Es gab die – weil vom Werbeaufkommen abhängigen – preiswert produzierten Daytime-Soaps ebenso wie hochwertige Premium-Soaps. Unterschiedliche Qualitäten, gleiche Form. Auch „Die Sopranos“ (HBO) waren nichts anderes: eine Soap Opera. So wie „Verbotene Liebe“ (ARD), „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL), die „Lindenstraße“ (ARD), „Sibel & Max“ (ZDF)…

24.06.2015 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 11/2016

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